SPD - Vor Ort

Die Wahlkreiszeitung "SPD – Vor Ort" erscheint vierteljährlich und wird von den SPD-Abteilungen 72, 76, 77 herausgegeben, die den Wahlkreis 4 Charlottenburg-Wilmersdorf bilden, dessen Abgeordneter ich bin.
Es handelt sich um eine sozialdemokratische Zeitung, dennoch ist es kein Verlautbarungsblatt - etwa der Senatspolitik -, sondern ein lebendiges Forum, in welchem kontroverse Positionen zum Ausdruck kommen, wie Sie an jeder Ausgabe ablesen können. Ich halte es für entscheidend, dass Politik nicht etwas ist, was "die da oben" bürgerfern betreiben und sich alle vier oder fünf Jahre in Wahlen bestätigen lassen, sondern ein lebendiger Prozess! Stets werden Sie auch Themen aus dem Wahlkreis finden
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Als PDF-Datei: Aktuelle Ausgabe (Nr. 22)

Archiv:


Auszug aus der Ausgabe Nr. 10 vom Juni 2006:

Interview mit Pfarrer Martin Germer

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ist eines der herausragenden Symbole unserer Stadt und natürlich auch dieses Wahlkreises. Seit 2005 hat die Kirche einen neuen Pfarrer – Frank Jahnke hat mit ihm gesprochen.

Frage: Herr Pfarrer Germer, nach 15 Jahren an der Auenkirche in Wilmersdorf haben Sie im vergangenen Jahr Ihre Pfarrstelle an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche angetreten. Was ist dort anders?
Pfarrer Germer: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ist deutschlandweit, ja weltweit bekannt, und entsprechend international ist das Publikum. Sowohl während der täglichen Öffnungszeit der Kirche von 9 – 19 Uhr als auch in den Musikveranstaltungen und Gottesdiensten überwiegt der Anteil der auswärtigen Besucher deutlich. Die Gemeinde selbst hat ca. 4000 Mitglieder, aber wir wollen auch für all die anderen Menschen da sein, die uns besuchen.

Frage:
Welche Probleme bringt es mit sich, neben der täglichen Gemeindearbeit gleichzeitig für ein Symbol, eine Touristenattraktion, ein Baudenkmal zuständig zu sein?
Pfarrer Germer:
Dies stellt uns natürlich personell wie finanziell vor große Herausforderungen. Um die täglichen Öffnungszeiten zu ermöglichen, brauchen wir beispielsweise drei Kirchwarte. Zum Erhalt der Bausubstanz bedarf es enormer Mittel. Man darf ja nicht etwa glauben, dass der Erhalt einer gut vierzig Jahre alten Glas-Beton-Konstruktion einfacher oder billiger wäre als der einer Kirche aus der Kaiserzeit!

Frage:
Gefällt Ihnen Ihre Kirche als Bauwerk?
Pfarrer Germer:
Ja, sehr! Ich finde das blaue Licht und die Stille in der Kirche, die der Architekt Egon Eiermann Anfang der sechziger Jahre geschaffen hat, immer aufs Neue faszinierend – und ebenso das Nebeneinander von neuer Kirche und altem Turm, als Mahnmal für Frieden und Versöhnung. Ursprünglich hatte Eiermann übrigens den Abriss des alten Glockenturms der Kirchenruine gefordert. Später soll er jedoch bekannt haben, dass sein Kirchenneubau im Grunde genommen überall auf der Welt stehen könnte, aber in dieser Kombination mit dem Turm der alten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche von 1895 einmalig und ein Charakteristikum für Berlin sei.

Frage:
Und wie finanzieren Sie den Erhalt des Bauwerks?
Pfarrer Germer:
Die Mittel der Gemeinde würden hierfür in der Tat bei weitem nicht reichen; wir bekommen einen Anteil an den Kirchensteuereinnahmen, der sich wie bei jeder anderen Kirche anhand der Zahl der Gemeindemitglieder bemisst. Der Verein der Freunde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche leistet zusätzlich eine großartige Hilfe. Dennoch brauchten wir für die Grundsanierung und technische Modernisierung der Kirche weitere finanzielle Mittel in erheblichem Umfang, und hierfür mussten wir ungewöhnliche Wege gehen.

Frage:
Sie meinen die umstrittenen Werbetransparente an der Kirche?
Pfarrer Germer: Ja, der Unternehmer Wall stellte die benötigten 750.000 € zur Verfügung und erhielt dafür das Recht, die Außenflächen der Kirche als Werbefläche zu vermarkten. Ich weiß, dass dies nicht jedermanns Geschmack war, aber anders hätten wir die dringend erforderliche Sanierung nicht durchführen können.

Frage:
Und die ebenfalls nicht unumstrittenen Marktstände an der Kirche?
Pfarrer Germer: Die regelmäßigen Einnahmen aus der Verpachtung dieser Stände sind für uns überlebensnotwendig. Ich weiß, das Sortiment an den Ständen ist nicht unbedingt hochwertig, aber ich möchte doch zu bedenken geben, dass wir im Zentrum einer Metropole mit Millionen von Touristen jährlich auch eine andere Kundenstruktur haben als etwa am Münster von Freiburg im Breisgau, wo regionale Anbieter Produkte aus der Umgebung verkaufen. Und auf einen positiven Nebeneffekt unserer Marktstände möchte ich auch noch hinweisen: Seitdem es die Stände dort gibt, ist mehr soziale Kontrolle vorhanden und der Markt ist außerdem für die tägliche Reinigung zuständig, so dass es spürbar sauberer um die Gedächtniskirche geworden ist.

Frage:
Anfang des Jahres gab es einen eindrucksvollen Solidaritätsgottesdienst für die von Kündigung bedrohten Beschäftigten von Samsung, JVC und CNH in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche – unter Beteiligung des DGB-Landesvorsitzenden Dieter Scholz sowie den Betriebsräten aus den betroffenen Unternehmen. Wie haben Sie das erlebt?
Pfarrer Germer: Zunächst einmal finde ich es wichtig, dass sich Kirche den drängenden Problemen der Gegenwart stellt. Sehr beeindruckt haben mich die authentischen Wortbeiträge der in ihrer beruflichen Existenz bedrohten Menschen. Sich ihrer anzunehmen, auch wenn die Kirche keine unmittelbare Abhilfe schaffen, sondern lediglich mit den Mitteln des Gebets und der Fürsprache helfen kann, halte ich für unsere christliche Pflicht. Problematisch sehe ich allerdings eine zu starke politische Parteinahme. Gerade wir in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit all ihrer Symbolkraft und überregionalen Bekanntheit werden natürlich öfter gefragt, in der einen oder anderen Form politischen Absichten Raum zu bieten; dies lehnen wir normalerweise ab. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen!

Frage
: Sie haben die Symbolkraft dieser Kirche nun schon wiederholt angesprochen. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ist doch vor allem ein Symbol des westlichen Berlins?
Pfarrer Germer: Das ist wohl so. Bei besonderen Geschehnissen kommen die Leute ganz automatisch hierher, weil sie denken "wo, wenn nicht hier" müsse etwas stattfinden. Das war selbst beim Tsunami vor anderthalb Jahren der Fall, und wir haben eine Andacht für die Opfer im Pazifikraum abgehalten. Oder denken Sie an die Trauerfeiern für bekannte West-Berliner Persönlichkeiten – sei es für Hildegard Knef oder für Harald Juhnke – die ganz selbstverständlich in dieser Kirche stattfanden.

Frage:
Sehen Sie denn, wie es in Presseveröffentlichungen heißt, die City West auf dem absteigenden Ast?
Pfarrer Germer: Ich glaube, da wird viel übertrieben. Wie ich von den Geschäftsleuten höre und auch selber den Eindruck habe, hat sich die Situation rund um Kurfürstendamm und Tauentzien wieder stabilisiert und wir haben hier eine der vitalsten Geschäftsgegenden der Stadt. Wie sich die Schließung des Bahnhofs Zoo für den Fernverkehr auswirkt, bleibt abzuwarten. Bei uns in der Kirche haben wir öfter Besucher, die einen Koffer hinter sich herziehen, also offenbar unmittelbar vom Bahnhof Zoo zu uns kommen. Ich werde beobachten, ob dies nun nachlässt. Doch insgesamt sehe ich die Zukunft unserer West-City optimistisch.

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