SPD - Vor Ort
Die Wahlkreiszeitung "SPD –
Vor Ort" erscheint vierteljährlich und wird von
den SPD-Abteilungen 72, 76, 77 herausgegeben, die den Wahlkreis
4 Charlottenburg-Wilmersdorf bilden, dessen Abgeordneter
ich bin.
Es handelt sich um eine sozialdemokratische Zeitung, dennoch
ist es kein Verlautbarungsblatt - etwa der Senatspolitik
-, sondern ein lebendiges Forum, in welchem kontroverse
Positionen zum Ausdruck kommen, wie Sie an jeder Ausgabe
ablesen können. Ich halte es für entscheidend,
dass Politik nicht etwas ist, was "die da oben"
bürgerfern betreiben und sich alle vier oder fünf
Jahre in Wahlen bestätigen lassen, sondern ein lebendiger
Prozess! Stets werden Sie auch Themen aus dem Wahlkreis
finden
Sagen Sie uns Ihre Meinung! An den Info-Ständen, wo
diese Wahlkreis-Zeitung verteilt wird, oder schreiben Sie
an unsere Redaktionsadresse: Frank Jahnke, SPD-Bürgerbüro,
Goethestr. 80, 10623 Berlin.
Auf meiner Homepage finden Sie die letzten Ausgaben von
"SPD – Vor Ort" vollständig als pdf-Datei
zum Herunterladen, sowie besondere Artikel als Auszug.
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Auszug aus der Ausgabe Nr. 10 vom Juni 2006:
Interview mit Pfarrer Martin Germer
Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ist eines der herausragenden Symbole unserer Stadt und natürlich auch dieses Wahlkreises. Seit 2005 hat die Kirche einen neuen Pfarrer – Frank Jahnke hat mit ihm gesprochen.
Frage: Herr Pfarrer Germer, nach 15 Jahren an der Auenkirche
in Wilmersdorf haben Sie im vergangenen Jahr Ihre Pfarrstelle an der
Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche angetreten. Was ist dort anders?
Pfarrer Germer: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche
ist deutschlandweit, ja weltweit bekannt, und entsprechend international
ist das Publikum. Sowohl während der täglichen Öffnungszeit
der Kirche von 9 – 19 Uhr als auch in den Musikveranstaltungen
und Gottesdiensten überwiegt der Anteil der auswärtigen
Besucher deutlich. Die Gemeinde selbst hat ca. 4000 Mitglieder, aber
wir wollen auch für all die anderen Menschen da sein, die uns
besuchen.
Frage: Welche Probleme bringt es mit sich, neben der täglichen
Gemeindearbeit gleichzeitig für ein Symbol, eine Touristenattraktion,
ein Baudenkmal zuständig zu sein?
Pfarrer Germer: Dies stellt uns natürlich personell
wie finanziell vor große Herausforderungen. Um die täglichen
Öffnungszeiten zu ermöglichen, brauchen wir beispielsweise
drei Kirchwarte. Zum Erhalt der Bausubstanz bedarf es enormer Mittel.
Man darf ja nicht etwa glauben, dass der Erhalt einer gut vierzig
Jahre alten Glas-Beton-Konstruktion einfacher oder billiger wäre
als der einer Kirche aus der Kaiserzeit!
Frage: Gefällt Ihnen Ihre Kirche als Bauwerk?
Pfarrer Germer: Ja, sehr! Ich finde das blaue Licht und die
Stille in der Kirche, die der Architekt Egon Eiermann Anfang der sechziger
Jahre geschaffen hat, immer aufs Neue faszinierend – und ebenso
das Nebeneinander von neuer Kirche und altem Turm, als Mahnmal für
Frieden und Versöhnung. Ursprünglich hatte Eiermann übrigens
den Abriss des alten Glockenturms der Kirchenruine gefordert. Später
soll er jedoch bekannt haben, dass sein Kirchenneubau im Grunde genommen
überall auf der Welt stehen könnte, aber in dieser Kombination
mit dem Turm der alten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche von 1895
einmalig und ein Charakteristikum für Berlin sei.
Frage: Und wie finanzieren Sie den Erhalt des Bauwerks?
Pfarrer Germer: Die Mittel der Gemeinde würden hierfür
in der Tat bei weitem nicht reichen; wir bekommen einen Anteil an
den Kirchensteuereinnahmen, der sich wie bei jeder anderen Kirche
anhand der Zahl der Gemeindemitglieder bemisst. Der Verein der Freunde
der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche leistet zusätzlich
eine großartige Hilfe. Dennoch brauchten wir für die Grundsanierung
und technische Modernisierung der Kirche weitere finanzielle Mittel
in erheblichem Umfang, und hierfür mussten wir ungewöhnliche
Wege gehen.
Frage: Sie meinen die umstrittenen Werbetransparente an der
Kirche?
Pfarrer Germer: Ja, der Unternehmer Wall stellte
die benötigten 750.000 € zur Verfügung und erhielt
dafür das Recht, die Außenflächen der Kirche als Werbefläche
zu vermarkten. Ich weiß, dass dies nicht jedermanns Geschmack
war, aber anders hätten wir die dringend erforderliche Sanierung
nicht durchführen können.
Frage: Und die ebenfalls nicht unumstrittenen Marktstände
an der Kirche?
Pfarrer Germer: Die regelmäßigen Einnahmen
aus der Verpachtung dieser Stände sind für uns überlebensnotwendig.
Ich weiß, das Sortiment an den Ständen ist nicht unbedingt
hochwertig, aber ich möchte doch zu bedenken geben, dass wir
im Zentrum einer Metropole mit Millionen von Touristen jährlich
auch eine andere Kundenstruktur haben als etwa am Münster von
Freiburg im Breisgau, wo regionale Anbieter Produkte aus der Umgebung
verkaufen. Und auf einen positiven Nebeneffekt unserer Marktstände
möchte ich auch noch hinweisen: Seitdem es die Stände dort
gibt, ist mehr soziale Kontrolle vorhanden und der Markt ist außerdem
für die tägliche Reinigung zuständig, so dass es spürbar
sauberer um die Gedächtniskirche geworden ist.
Frage: Anfang des Jahres gab es einen eindrucksvollen Solidaritätsgottesdienst
für die von Kündigung bedrohten Beschäftigten von Samsung,
JVC und CNH in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche – unter
Beteiligung des DGB-Landesvorsitzenden Dieter Scholz sowie den Betriebsräten
aus den betroffenen Unternehmen. Wie haben Sie das erlebt?
Pfarrer Germer: Zunächst einmal finde ich es
wichtig, dass sich Kirche den drängenden Problemen der Gegenwart
stellt. Sehr beeindruckt haben mich die authentischen Wortbeiträge
der in ihrer beruflichen Existenz bedrohten Menschen. Sich ihrer anzunehmen,
auch wenn die Kirche keine unmittelbare Abhilfe schaffen, sondern
lediglich mit den Mitteln des Gebets und der Fürsprache helfen
kann, halte ich für unsere christliche Pflicht. Problematisch
sehe ich allerdings eine zu starke politische Parteinahme. Gerade
wir in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit all ihrer Symbolkraft
und überregionalen Bekanntheit werden natürlich öfter
gefragt, in der einen oder anderen Form politischen Absichten Raum
zu bieten; dies lehnen wir normalerweise ab. Der Mensch muss im Mittelpunkt
stehen!
Frage: Sie haben die Symbolkraft dieser Kirche nun schon
wiederholt angesprochen. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche
ist doch vor allem ein Symbol des westlichen Berlins?
Pfarrer Germer: Das ist wohl so. Bei besonderen Geschehnissen
kommen die Leute ganz automatisch hierher, weil sie denken "wo,
wenn nicht hier" müsse etwas stattfinden. Das war selbst
beim Tsunami vor anderthalb Jahren der Fall, und wir haben eine Andacht
für die Opfer im Pazifikraum abgehalten. Oder denken Sie an die
Trauerfeiern für bekannte West-Berliner Persönlichkeiten
– sei es für Hildegard Knef oder für Harald Juhnke
– die ganz selbstverständlich in dieser Kirche stattfanden.
Frage: Sehen Sie denn, wie es in Presseveröffentlichungen
heißt, die City West auf dem absteigenden Ast?
Pfarrer Germer: Ich glaube, da wird viel übertrieben.
Wie ich von den Geschäftsleuten höre und auch selber den
Eindruck habe, hat sich die Situation rund um Kurfürstendamm
und Tauentzien wieder stabilisiert und wir haben hier eine der vitalsten
Geschäftsgegenden der Stadt. Wie sich die Schließung des
Bahnhofs Zoo für den Fernverkehr auswirkt, bleibt abzuwarten.
Bei uns in der Kirche haben wir öfter Besucher, die einen Koffer
hinter sich herziehen, also offenbar unmittelbar vom Bahnhof Zoo zu
uns kommen. Ich werde beobachten, ob dies nun nachlässt. Doch
insgesamt sehe ich die Zukunft unserer West-City optimistisch.

